Interviews

Was hat Sie dazu gebracht, dieses Mal selbst die Hauptrolle in Ihrem Film zu übernehmen?
Das klingt vielleicht komisch, aber ich mag Kajak fahren und Denis nicht. Es geht natürlich um mehr; ein Bruder kann bestimmte Gesten eben nicht für dich übernehmen. Und das entscheidende Motiv ist nun einmal das Paddeln. Bei diesem Film hatte ich das Gefühl, dass der Paddelschlag den Rhythmus des Films ausmacht, ihn begleitet, so wie wenn man das Steuer eines Flugzeugs übernimmt. Vielleicht klingt das zu einfach, aber es fühlte sich wirklich so an.


Man könnte fast denken, dass Sie nicht aufgehört haben, dieselbe Figur zu filmen – auch wenn Sie ihren Namen geändert haben, sie heute selbst spielen und sie mit den Jahren haben altern lassen.
Das ist interessant, weil es nicht bewusst passiert ist. Ich hatte die Flugzeuge von „Dieu seul me voit“ komplett vergessen. Genauso wie ich vergessen hatte, dass ich ein Kajak an die Denis-Figur in „Bancs publics“ gekoppelt hatte. Das ist in gewissem Sinn beruhigend. Als ob ich kleine Samenkörner gesät hätte, ohne es zu merken, und der neue Film aus den vorhergehenden gekeimt wäre. (...) Mir gefällt die Idee sehr, dass sich die Drehbücher eigentlich von alleine antreiben. Die ersten Projektideen für Filme liegen schließlich zehn Jahre oder länger zurück. Ich arbeite mit sehr alten Notizen, die ich dann miteinander verknüpfe. Ich habe große Angst, mich zu wiederholen, das ist ein Alptraum. Und ich bin an dem Punkt angelangt, an dem ich es weiß und nicht mehr so tue, als könnte ich es vollständig verhindern. Da kann man nichts machen. Ich kann die private Komponente in meinen Filmen nicht leugnen, auch wenn ich mir jedes Mal sage: „Das nächste Mal schlage ich ein neues Kapitel auf!“ Das ist interessant, besonders wenn ich mit meinem Bruder an einem Drehbuch arbeite oder wenn er die Hauptrolle spielt. Denn da gibt es immerhin eine Synthese zwischen zwei Perspektiven: Es ist nicht ganz seine und nicht ganz meine.


Auf jeden Fall bieten Sie uns hier unendlich viele kleine Glücksmomente.
Ich hatte Lust, Bilder von frischer Wäsche zu zeigen, die im Freien aufgehängt ist, von Absinth, von einem Ausflugslokal, vom Wind in den Bäumen und von Sonnenstrahlen … Es sind Klischees, vor denen ich keine Angst habe, denn sie stimmen oft. Ich wollte ein „River-Movie“ drehen, das die gleichen Rituale am gleichen Ort wiederholt: das Radio, die Kirschbäume, den Absinth … Und dennoch wollte ich den „Das waren die guten alten Zeiten“-Effekt verhindern. Das Ausflugslokal liegt im Jetzt und Heute. Es gefällt mir, dass man in Paris am Seine-Ufer Getränkestände aufstellt. Ein Genuss, der allen zugänglich ist. Man muss sich nicht die Mühe machen, bis ans Ende der Welt zu gehen. Man muss nur wählen, was man selbst als Luxus definieren möchte. Man kann nicht durch alles gleich reich werden. Ich habe für mich Zeit als Luxusgut ausgesucht.


Diese Komödie plädiert für das genaue Gegenteil von Stress und sozialem Druck.
Aber hinter dem Lachen zeichne ich zwangsläufig auch einen politischen Film über eine Krisenzeit (...) Man sieht Menschen, die nicht nur eine Arbeit haben, sondern mehrere. Agnès Jaoui unterhält ein Ausflugslokal und wäscht die Wäsche anderer Leute. Der eine verkauft unter der Hand Schuhe, der andere bemalt Figuren, um finanziell bis zum Monatsende zu kommen.


Worauf haben Sie sich bezogen, als Sie das Drehbuch geschrieben haben?
Auf die „Landpartie“ von Jean Renoir, weil sich darin Freiheit spiegelt. Er hat seine Kamera genommen, um Kreise im Wasser zu filmen. Das gab mir Zugang zu meiner eigenen Leichtigkeit. Und auf „Alexander, der Lebenskünstler“ („Alexandre le bienheureux“) von Yves Robert, ich mag den „Ausstattungs“-Aspekt, wenn er zum Beispiel einen Flaschenzug im Haus installiert, um seine leeren Flaschen zu entsorgen. Ich habe auch an Nanni Moretti und seinen Film „Liebes Tagebuch“ gedacht, in dem er mit seinem Motorroller in Rom herumfährt. Es ist eine der schönsten Geschichten, die ich in den letzten zwanzig Jahren im Kino gesehen habe. Ich habe mich daran erinnert, als ich mit dem Kajak gefahren bin, um die Kamera in der richtigen Entfernung zu platzieren.


Auszüge aus Interviews mit dem Regisseur zum Filmstart in Frankreich (Quellen: „Liberation“, „Le journal du dimanche“)

Was hat Sie am Projekt von Bruno Podalydès besonders gereizt?
Die Beziehung zum Aspekt Zeit. Mir gefällt, dass der Protagonist nach seinem ersten Reisetag nur wenige Kilometer zurückgelegt hat. Es ist toll, wie schnell man auf einmal den gewohnten alltäglichen Wahnsinn hinter sich lässt. Sogar das Handy wird zu einem „Objekt der Übertretung“. Das Wohlwollen und die Toleranz der Helden entwickeln sich: Sie wundern sich nicht, sie nehmen die Dinge, wie sie kommen – ganz natürlich, ohne sich zu zieren ...


Sie sind Autorin, Schauspielerin und Regisseurin. Wie Bruno Podalydès auch. Wie arbeitet es sich mit einem Alter Ego?
Es war wie ein sehr privilegierter Urlaub. Ich kannte die Filme von Bruno und ich fühlte mich künstlerisch mit ihm verbunden. Das hat sich während der Dreharbeiten bestätigt. Es war das erste Mal, dass ich mit einem Regisseur gedreht habe, der selbst in seinen Filmen mitspielt, genauso wie ich es auch in meinen Filmen mache. Durch NUR FLIEGEN IST SCHÖNER habe ich verstanden, dass sich die Schauspieler mit mir verbunden fühlen müssen.


Laetitia, die Frau, die Sie spielen, ist vor allem Philosophin.
Sie ist auf keinen Fall gewöhnlich. Sie hat ihren Mann verloren, aber sie wirkt nicht besonders deprimiert. Sie lebt an einem Ort, der außerhalb der Zeit liegt. Sie ist jemand, der mit den Füßen auf dem Boden steht. Sie ist mütterlich genug und sehr pragmatisch. Sie kommt voran. Ich sehe sie so, wie Bruno sie beschrieben hat. Ich hatte nicht den Eindruck, viel dafür tun zu müssen, um diese Figur zu spielen. Ich hätte nichts dagegen, auch ein Restaurant in so einer Oase im Burgund zu haben ...


Wie würden Sie das Liebes-Intermezzo beschreiben, das sie mit Michel erlebt?
„Wie konnte ich nur so lange darauf warten“, sagt sie zu ihm. Das ist schön. Es ist wie eine Initiationsreise. Es ist eine wahre Reise, um den Körper des anderen zu entdecken, zu wissen, wie man gern berührt werden möchte, was uns Spaß macht und was nicht. Das ist schwierig. Mir hat die Poesie gefallen, die in diesen Szenen entsteht. Man braucht Fantasie und Sinnlichkeit, um sie zu drehen, und mir scheint, dass es in diesem Film genug davon gibt.


Im Film wird nie die Eifersucht der Frauen thematisiert oder dass eine von ihnen sich ausgeschlossen fühlt.
Es gibt keine Rivalität. Es ist nie eine Frau gegen die andere. Man befindet sich nicht mehr in der Krise der Vierzig- oder Fünfzigjährigen. Die Dinge passieren. Punkt.


Was für eine Art von Regisseur ist Bruno Podalydès?
Bruno hat ein sehr spezielles Verhältnis zum Aspekt Zeit. Es sieht so aus, als ob er stressresistent wäre und der Druck der Dreharbeiten nicht an ihn herankäme. Ich kam aus dem Film von Baya Kasmi, wo die Atmosphäre überreizt war: Es war sein erster Langspielfilm, es war zu wenig Geld da und so weiter. Im Film von Bruno fühlte ich mich am Anfang verloren. Ich hatte den Eindruck, ins Leere zu arbeiten. Ich dachte: „Sind die alle verrückt? Haben die denn gar keinen Rhythmus?“ Ich war überzeugt davon, dass wir es niemals schaffen würden, den Film zu beenden. Und dann, eines Tages, habe ich entschieden, mich dem Rhythmus hinzugeben und meine Ängste beiseite zu schieben. Von diesem Moment an waren die Dreharbeiten wunderbar. Ich trat in eine andere Raum-Zeit-Wahrnehmung ein. Ich hatte den Eindruck, die Schule zu schwänzen. Ich habe seit Langem nicht mehr so gelacht am Set.


Bruno Podalydès schafft es genauso wie Resnais, Komik und Poesie zu kreieren und von nichts auszugehen. Eine Thermoskanne mit Absinth, russische Matroschka-Puppen, denen er das Aussehen von Männern gibt ...
Ein Zelt oder einen Anti-Mücken-Schlüsselanhänger … Es gab kein Objekt, zu dem es nicht einen poetischen Zugang gab, kein Detail, an das nicht gedacht wurde und das keinen Sinn bekommen hätte. Das ist der Beobachtungsgabe geschuldet: Das Lachen ist oft durch diese Gabe ausgelöst. Es ist ein Humor, den ich besonders schätze.

Es ist das erste Mal, dass Sie mit Bruno Podalydès drehen. Wie ist es, mit ihm zu arbeiten?
Ich war zuerst überrascht: Er machte den Eindruck auf mich, dass er mit einer Haltung dreht, als ob er auf den Markt ginge. Mit einer enormen Gemächlichkeit. Aber es ist alles minutiös vorbereitet: Das Drehbuch ist fertig geschrieben. Nur erfindet man eventuell noch Szenen miteinander. Aber bestimmte Szenen, wie die mit Michel und Rachelle im Bad zum Beispiel, sind rundum choreografiert und werden genauso gedreht. Er verfeinert sein Drehbuch nur noch. Bruno ist sehr mit seinem Team verbunden. Er arbeitet mit ihm und mitten in ihm. Es ist sehr berührend zu sehen, wie ein Regisseur die Energie aufnimmt, die jeder mit einbringt, um die Szenen in seinem Sinn zu spielen. Bruno ist vielseitig begabt. In manchen Bereichen kann er sehr sicher auftreten. Er zaubert zum Beispiel. Er hat aber auch eine unbeholfene Seite, die seine Figuren so komisch wirken lässt. Auch wenn es um ernsthafte Dinge geht, gefällt es ihm, wenn sie nicht allzu kontrolliert wirken. Man könnte zum Beispiel annehmen, dass Michel Laetitia aus einer Ungeschicklichkeit heraus in das Tuch einwickelt. Bruno liebt diese Situationen, die passieren, weil alles anders läuft als geplant. Wie das Leben eben so spielt.


Was gefällt Ihnen an Ihrer Rolle?
Michel und sie sind einfach ein ideales Paar, auch wenn sie sich amouröse Ausschweifungen erlauben. Sie gehören zusammen und sind sehr vertraut miteinander. Man spürt, dass sie ihr Leben gerne miteinander teilen.


Es gibt eine verspielte Seite bei der Vorbereitung dieser Reise, aber man zweifelt nicht einen Moment an der Aufrichtigkeit der Figur.
Gerade weil nicht alles effizient ist, kann man darüber lachen – und das ist wunderbar. Man glaubt an die Verrücktheit dieses Typs, der sich für Kajak begeistert. Man zweifelt nicht daran, dass er sich das Holzskelett des Bootes umhängt und damit „trockenrudernd“ auf der Dachterrasse herumläuft, und auch nicht daran, dass er sich mit dem ganzen Equipment ausstattet. Ich frage mich, ob Bruno vielleicht selbst schon in dieser Situation gesteckt hat! Das ist ein bisschen, wie wenn wir Menschen in unserer Umgebung beobachten, die sich für Sachen begeistern, die für uns fremd sind. Ihre Konzentration und ihre Ernsthaftigkeit erscheinen uns, als hätten wir eine Halluzination, und das erheitert uns. Im Film ist es noch viel lustiger, weil man sieht, wie motiviert das Paar durch die Reise ist: Alles ist hyperpräzise in ihrem Kopf, aber dann spielt sich alles ganz harmlos ab – und das gefällt mir enorm. Er ist kaum auf dem Fluss gestartet, als er sie anruft, weil er sich in Ästen verheddert hat, und sie findet das ganz normal. Rachelle lässt sich niemals von den Ereignissen aus der Ruhe bringen, dieser Mann ist nie genervt. Alles ist einfach zwischen den beiden.


Hinter seiner scheinbaren Einfachheit behandelt NUR FLIEGEN IST SCHÖNER existentielle Themen: Liebesbeziehungen, das Verhältnis zum Element Zeit, Freiheit und auch die Modernität. Als Michel und Rachelle zusammen fernsehen, ist jeder mit seinen eigenen Dingen beschäftigt: er mit seiner Kajak-Recherche und sie schaut sich eine Serie an. Man sieht ins Herz einer Beziehung von heute.
Viele meiner Freunde, Fans von Serien, sehen sich ihre Sendung jeden Abend an der Seite ihres Partners an. Das hindert ein Paar nicht daran, in Harmonie zu leben – und schon gar nicht das Paar, mit dem wir es zu tun haben. Ich mag besonders die Szene im Badezimmer, wo jeder seine Zähne putzt und über seine Sexualität spricht: Sie haben nicht die gleichen Wünsche, aber allein schon, dass sie darüber sprechen, verbindet sie. Da ist dieser kleine Hauch von Humor und Feinfühligkeit, der dem Film seine Poesie und seine so atypische und persönliche Note gibt. Aber das, was mich am meisten berührt, ist die luftige Seite des Films. Dass er zum großen Teil draußen spielt.


Rachelle könnte eine liebende und banale Frau sein. Aber sie ist das Gegenteil: schelmenhaft und prickelnd. Der Alltag kann sie nicht erschüttern. Wie haben Sie es geschafft, Ihre Figur so differenziert zu spielen?
Ich höre nicht bei dem auf, was ich lese. Ich versuche, meinen Figuren Profil zu geben. Ich suche nach dem, was aus ihnen echte Menschen machen kann und wie sie verrückter werden. Man ist nie nur eine verständnisvolle Frau im wahren Leben, man ist nie ganz klar. Ich sah Rachelle als eine der Frauen, die – auch wenn sie nicht darüber sprechen – ihre Ehemänner beobachten, um zu wissen, was sich hinter ihnen verbirgt. Ich wollte, dass sie ein wenig ironisch ist, so wie eine Mutter es mit einem Jugendlichen sein kann. Sie zweifelt kaum, aber sie lässt sich deswegen nicht täuschen! Oft finde ich die Antwort, indem ich den Regisseur während der Dreharbeiten beobachte. Regisseure schreiben nicht zufällig das, was sie schreiben.